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STANDORT-jubiläum | 100 Jahre Babelsberg    Ausgabe 03/12

Ein Schlangentanz für Babelsberg

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Vom Stummfilm zu Dolby Surround, vom Nitrofilm bis S3D – durch zwei Weltkriege und fünf politische Systeme – mit Stars, die gehen, und solchen, die bleiben: Babelsberg hat schon alles gesehen. Sonja M. Schultz zum 100. Geburtstag des historisch wohl spannendsten Filmstudios.

 

Hier hat Asta Nielsen, die Federboa um die nackten Schultern gelegt, ihre schwarzgerahmten Augen gerollt. Hier entstand der einzige Film der DDR, der je für den Oscar nominiert war. Dies ist der Ort, wo der antisemitische »Jud Süß« gedreht und Hitler von Quentin Tarantino in die Luft gesprengt wurde. Und hier inszenierte man mit dem historischen Thriller »Anonymus« den ersten Spielfilm mit einer Alexa. Studio Babelsberg, zwischen dem Berliner Wannsee und dem Schloss Sansouci in Potsdam gelegen, steckt so voller Geschichten und Filmgeschichte wie sonst nur Hollywood, dessen Aufstieg zur führenden Filmregion sich in etwa zeitgleich vollzog. Dabei hat dieser berühmteste deutsche Filmstandort einen beispiellos extremen Wechsel der Systeme und Ideologien mitgemacht: Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Kommunismus und Kapitalismus – jede Zeit produzierte ihre ganz eigenen Stoffe.

Am Anfang der nunmehr 100-jährigen Geschichte des weltweit ältesten Großatelier-Filmstudios war das Feuer. Es brannte zu oft in den Berliner Filmateliers, die sich häufig auf Dachstühlen im Zentrum der Stadt befanden. Explosives Nitromaterial, leicht entzündliche Kulissen und glühend heiße Scheinwerfer ließen so manche frühe Produktion zur Brandkatastrophe werden. Die Berliner Feuerpolizei wollte das filmende ­Gewerbe aus der Innenstadt vertreiben, und so machte sich auch Guido Seeber im Auftrag der Deutschen Bioscop GmbH auf die Suche nach einem geeigneten Grundstück im Umland. In Babelsberg stieß Seeber auf eine alte Kunstblumenfabrik in weiträumig unbebautem Gelände. Hier begann im Winter 1911/12 der Bau des berühmten ersten Glasateliers. Eingeweiht wurde das »Kleine Glashaus« von einer sich lasziv windenden Asta Nielsen. Am 12. Februar 1912 fiel die erste Klappe zu Urban Gads Eifersuchtsdrama »Totentanz«. Der in nur wenigen Tagen abgedrehte Film erhielt von der Zensurbehörde prompt ein Jugendverbot: Zu unsittlich sei Nielsens sinnlicher »Schlangentanz«, zu reißerisch der Messermord am Schluss. Ob der Hüftschwung der in Kopenhagen geborenen ersten Diva des deutschen Stummfilms heute auch noch jugendgefährdend wirkt, kann nun erstmals überprüft werden. Denn Studio ­Babelsberg hat das nur als Fragment überlieferte ­Melodram vom Filmmuseum München restaurieren und digitalisieren lassen. Die neue 35-Minuten-Fassung wird am 12. Februar 2012 in Begleitung des Filmorchesters Babelsberg festlich aufgeführt.

Die erste Zeit des Studios war auch die Ära der Pioniertaten. Guido Seeber erfand für »Der Student von Prag« (1913) seine berühmten Mehrfachbelichtungen, später »entfesselte« er die Kamera durch Fahrtaufnahmen. Unter Produzent Erich Pommer entstanden mit »Das Kabinett des Dr. Caligari« (1919) oder »Der müde Tod« (1921) die größten deutschen Stummfilm-Klassiker. Pommer bündelte Regie-, Kamera- und Schauspieltalente in Babelsberg wie kein zweiter. Mit der ruinös kostspieligen Science-fiction »Metropolis« (1926) produzierte er den teuersten Film der deutschen ­Filmgeschichte für die 1917 ursprünglich als Propaganda-Instrument gegründete Ufa. Der 2010 restaurierte »Metropolis« mit seiner Stop-Motion-Technik, dem neuartigen Spiegeltrickverfahren von Eugen Schüfftan und Ernst Kunstman sowie der beeindruckenden ­Modell-Architektur von Bühnenbildner Otto Hunte zählt heute zum Weltdokumentenerbe der UNESCO. Für »Der blaue Engel« (1930) entdeckte Pommer schließlich den kommenden Weltstar Marlene Dietrich.


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