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CHRISTIAN BERGER LICHT T3 | Workshop    Ausgabe 08-09/13

Licht-Denken

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Kameramann, Regisseur, Produzent und Autor Christian Berger, Em. Univ. Prof. an der Filmakademie Wien, behandelt im dritten Teil des mehrteiligen Workshops den Themenbereich »Licht Gestalten« und wie sich verschiedene Maler damit auseinander gesetzt haben.

5. Gestalten

Was beleuchtet ist, ist entdeckt und ohne Licht bleibt es verborgen. In der Einschätzung, Beurteilung und Behandlung von Licht habe ich in vielen Jahren gelernt, mehr und mehr meinen Augen zu trauen. Werte, die ich messe, geben mir zwar die Sicherheit, mich in gegebenen Normen zu bewegen – aber genau das genügt oft nicht. Natürlich muss man Messen lernen und beherrschen, aber wenn man das einmal kann, braucht man sehr bald eine eigene, subjektive Posi­tion, weil man ohne eine solche Position nicht gestalten kann. Es wird zwar (auch in technischem Sinn) immer riskant bleiben, dem, was man sieht, zu trauen – selbst bei entsprechend ausgebildetem und geübtem Augensinn. Wenn aber das Ergebnis gelingt, bringt mich das wesentlich weiter als die »geordneten« Bahnen.

Seit nun schon fast 20 Jahren beschäftige ich mich intensiv und bewusster denn je mit Licht (mit Licht gearbeitet habe ich von Berufs wegen ja schon immer). Ich bin erstaunt und entdecke mein großes Nichtwissen. Während ich jetzt, nach, oder noch immer inmitten der Auseinandersetzung mit der Historie und den vielen Auffassungen von Licht quer durch die ­Philosophie, die Naturwissenschaften und da natürlich insbesondere durch die Lichttechnik, quer durch die Religionen und die künstlerisch gestalterischen Aspekte, zumindest konkreter weiß, was ich nicht weiß – ­begegnen mir auf diesem Wege viele interessante ­Fragestellungen: Was wissen wir über die Bedeutung des Lichts in anderen Kulturen? Was wissen wir über die Auffassungsveränderungen, die aus dem neuen Blickwinkel der Astronauten (als die modernen »Ent­decker«) über uns gekommen sind? Die visuelle Erfahrung, unseren Planeten als einen fragilen Körper, in ­einen zarten Lichtmantel gehüllt zu sehen.

Was wissen wir Filmleute über die spannenden Erkenntnisse aus der Hirnforschung über die mentale »Verarbeitung« unserer visuellen Wahrnehmungen? Was heißt es für einen Bildermacher, wenn es hell wird und die Welt täglich auf’s Neue über Helligkeit und ­Farbe in Erscheinung tritt?

Wenn ich mit Licht arbeiten und gestalten will – muss ich Licht zuerst sehen. Das klingt banal – wer nicht blind ist kann doch sowieso sehen. Vielleicht sage ich besser: man muss Licht erkennen. Erkenntnis braucht Neugierde, Sensibilität und Schauen, Schauen und noch einmal Schauen.

Es gibt tausende Anlässe, ständig und überall, Licht zu beobachten und man kann dieses Üben so leicht wie noch nie praktizieren und festhalten. Hatten die Maler noch ihre Skizzenblöcke und Stifte und die Dichter ihren »Zettelkasten«, so haben wir unsere kleinen Foto- und Videokameras. Wir könn(t)en so die mannigfaltigsten und die flüchtigsten Lichtsituationen festhalten, analysieren und wiedergeben, wenn wir wollten.

Nicht zufällig gab und gibt es Maler, die 20 Jahre hindurch denselben Berg malen, bis sie ihn verstehen und abbilden können, oder solche, die immer wieder einfallendes Licht durch ein Fenster malen.

Nebenbei lernt man auch viel über die Werkzeuge bzw. über den Grad der Deformation, die jedem Werkzeug, jeder Abbildung, jeder Reproduktion system­immanent inne wohnt. 


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