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59. BERLINALE | FESTIVALBERICHT    Ausgabe 03/09

Kino von morgen – Probleme von heute

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Von Digitalisierung bis Breitfilm-Nostalgie, Dritte Welt-Drama bis Wohlstandsneurose reichte das Spektrum der 59. Berliner Filmfestspiele. Sonja M. Schultz streifte durch die zahlreichen Sektionen des Festivals, erlebte Festplattencrash und Feierstimmung.

Kino von morgen – Probleme von heute

Kino von morgen – Probleme von heute

And the winner is: .. das Autorenkino. Das junge Kino. Das nicht-eurozentrische Kino. Mit der Vergabe des Goldenen Bären an »Milch des Leids« (»La teta asustada«), den zweiten Spielfilm der 32jährigen Claudia Llosa, würdigte die Jury um Tilda Swinton einstimmig ein Stück Politpoesie aus Peru, einem Land mit Guerillakrieg-Vergangenheit, aber ohne Filmindustrie. Der uruguayanische »Gigante« von Adrián Biniez überzeugte nicht nur als bester Erstlingsfilm. Die still erzählte Liebesgeschichte zwischen einem Wachmann und einer Putzfrau räumte auch den Alfred-Bauer-Preis und den Großen Preis der Jury ab. Der Silberne Bär für die Beste Regie reiste nach Teheran: im Gepäck von Asghar Farhadi. Sein Drama »Alles über Elly« (»Darbareye Elly«) behandelt den Konflikt einer Gruppe junger Iraner zwischen traditionellem und modernem Selbstverständnis. Gegen das Generationsporträt schwenkte sogar eine kleine Gruppe übereifriger Protestler Plakate, die Festivalleiter Dieter Kosslick als »Mullah« diffamierten. Zuletzt Maren Ade. Die 32jährige teilte sich den Großen Preis der Jury mit Adrián Biniez. Ihr zweiter Film »Alle Anderen« könnte dem Alltags-Realismus der Berliner Schule zugerechnet werden, wäre da nicht der tragikomische Humor. All diese Preisträger haben ihr eigenes Drehbuch inszeniert und konzentrieren sich auf persönliche Geschichten. Zwar gab es auch das europäische Justizdrama um den Balkankrieg zu sehen (»Sturm« von Hans-Christian Schmid), die missglückte Globalisierungs-Parabel (»Mammoth« von Lukas Moodyson) und natürlich den an amerikanischen Vorbildern orientierten Finanzmafia-Thriller (»The International« von Tom Tykwer). Doch im diesjährigen Wettbewerb der Berlinale hatten die kleinen Filme die Nase vorn.
Nicht so in der Retrospektive. »70mm – Bigger than Life« war das Versprechen. Und Breitfilmklassiker wie »Ben Hur« (1958/59), »Lawrence of Arabia« (1961/62) oder »2001: A Space Odyssey« (1965-68) hielten es. Im digitalen Jahrtausend zeigte das analoge Kino noch einmal, wozu es fähig ist: in Extrabreite und mit überwältigendem Magnetton. »Vergesst den Wettbewerb, vergesst ›The International‹. Nutzt diese Berlinale, um die Filme der Retrospektive zu sehen!« appellierte Tom Tykwer ans Publikum. »Das ist so wie das vielleicht letzte Konzert der Rolling Stones!« Der Deutschen Kinemathek war es gelungen, die Kopien von 22 Breitfilm-Epen zusammenzutragen – darunter auch die erste deutsche 70mm-Produktion »Flying Clipper« (1961/62), die aus desolaten Archivmaterialien restauriert und in den USA aufwendig neu kopiert wurde. Andere Monumentalwerke waren unlängst von den amerikanischen Studios für die Blu-ray-Auswertung restauriert worden. So kam die Digitalisierung dem Filmerbe zugute.
Ob das teure Superformat auch jenseits der Kinonostalgie eine Zukunft haben könnte, darum ging es unter anderem im Gespräch Tykwers mit Josef Reidinger (ARRI). Während sich an den Kameras seit 20 Jahren aufgrund geringer Nachfrage nichts geändert hat, versprach Reidinger zur Postproduktion: »ARRI hat jetzt einen 65mm-Scanner entwickelt, der auch wirklich funktioniert.« Von einer Breitfilm-Renaissance kann allerdings noch keine Rede sein, auch wenn gut sieben Minuten von »The International« auf 65mm-Negativ aufgenommen wurden, und Joseph Vilsmaier das Format für sein Bergdrama »Nanga Parbat« nutzt. Doch 70mm sei auch eine Chance, das Kino in der Medienwelt der Zukunft zwischen Internet-Downloads und Home-HD wieder attraktiv zu machen, spekulierte Tykwer: »Wir müssen ja konkurrenzfähig sein zu den zweieinhalb Meter großen 2K-Monitoren, die demnächst in ihrer Küche stehen.« Abschließend schickte der Regisseur noch eine Vision hinterher: »Ich bin überzeugt, dass der nächste echte Schritt der holografische Film sein wird. Wenn ich 90 bin, vielleicht kriege ich dann noch einen ab.«


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