Ausgabe 03/12Der erste Schwenk der Filmgeschichte
Wiederentdeckt und restauriert: Der filmische Nachlass von Guido Seeber (1879-1940). Der Autor und »Filmarchäologe« Hermann Pölking-Eiken würdigt Leben und Wirken des Filmpioniers und Studio-Babelsberg-Gründers und berichtet über die Restaurierung von Material, mit dem die Bilder laufen lernten, durch die TeleFactory.
Guido Seeber ist mit den Brüdern Max und Emil Skladanowsky sowie Oscar Messter der bedeutendste deutsche Filmpionier, er ist einer der wichtigsten Kameramänner nicht nur des frühen deutschen, sondern des internationalen Films. Und 1911/12 hat Guido Seeber das Studio Babelsberg gegründet.
Seeber widmete sein Leben als Kameramann, Erfinder, Lehrer, Fachschriftsteller und Unternehmer dem neu erfundenen Kinematographen. In fast 40 Berufsjahren wirkte er an 50 großen Spielfilmen als »Kamera-Operateur« mit. Er war aber nicht nur ein Praktiker des Films, er war auch ein Theoretiker des Mediums. Das umfangreiche publizistische Werk über Filmtheorie und Filmgeschichte offenbart Seeber heute als einen der ersten Chronisten der jungen Kunstform.
Der »Kameramann« Guido Seeber machte Zeit seines Lebens umfangreiche Versuche zur Weiterentwicklung der Filmtechnik, entwickelte Arbeitsweisen, die heute selbstverständlich und nicht mehr weg zu denken sind: Schwenks, Stopptricks, Einkopierungen, Filmrollenwechsel, Kamerafahrten, Hintergründe, Blenden, Visual Effects und Animationen, aber auch Experimente mit dem Tonfilm. Guido Seeber machte die Kamera früh mobil und gestaltete auch die ersten Making-Ofs.
Aus diesem Material sind ca. 90 Minuten aus dem Zeitraum um 1900 erhalten geblieben. Die TeleFactory hat dieses Nitromaterial in Zusammenarbeit mit der Deutschen Kinemathek digitalisiert und restauriert. Zur Berlinale wird es vorgestellt. Die TeleFactory vermittelt Infos zu der filmhistorischen Bedeutung des Materials, zum Restaurierungsprojekt, zur Gründung Studio Babelsbergs, historische Interviews mit der Seeber-Witwe und natürlich Bilder aus dem Archivfund, wie z.B. zum ersten Schwenk der Weltgeschichte und zum ersten Animationsfilm.
Studios in Babelsberg
Guido Seeber verdankt die Filmstadt Potsdam-Babelsberg ihre Entstehung. Erich Zeiske, Direktor der Deutschen Bioscop, beauftragt 1910 Guido Seeber zum Zwecke einer Ateliervergrößerung ein geeignetes Grundstück im Berliner Umland zu suchen. Guido Seeber wird im Jahr 1911 bei der Suche nach einem Drehgelände, auf dem das Hantieren mit explosivem und leicht entzündlichem Material erlaubt sein soll, in Neubabelsberg fündig. Am 3. November 1911 wird der Grundstein für das erste Studio der Deutschen Bioscop GmbH in Babelsberg-Nowawes gelegt. Im Winter 1911/12 beginnen unter der technischen Anleitung Seebers die Bauarbeiten zu einem Glashaus in der Stahnsdorfer Straße in Babelsberg. An die alte Fabrik mit viel Glas und Oberlicht lässt Seeber ein Glasstudio anbauen, um so mit Tageslicht unter Verhältnissen drehen zu können, die an den ewigen Sonnenschein Kaliforniens erinnern. Am 12. Februar 1912 fällt in Babelsberg in dem für Filmaufnahmen errichteten Glashaus-Atelier die erste Klappe zu Urban Gads »Der Totentanz«.
Ein junger Mann aus Chemnitz
Guido Seebers 1851 geborener Vater Clemens Seeber, erlernt in Chemnitz in den 1870er Jahren die Kunst der damals sich noch entwickelnden Photografie. Er erwirbt am 1. Mai 1873 das fotografische Atelier des verstorbenen Photographen August Adolph Hunger in der Neugasse Nr. 5. Am 1. Dezember 1879 eröffnet Clemens Seeber in der Chemnitzer Innenstadt im Garten der Theaterstraße Nr. 33 seine »Photographische Anstalt«. 1893 beginnt sein Sohn Guido eine Lehre im väterlichen Unternehmen, in den Jahren 1895/96 ist er Volontär beim Hoffotografen Pietzner in Karlsbad und Wien. 1896 kaufen Vater und Sohn Seeber beim Berliner Oskar Messter kinematografische Apparate und Filme und veranstalten damit ab dem 12. September 1897 Vorführungen von »Seeber’s lebenden Riesenphotographien«. Ab dem darauffolgenden Frühjahr drehen die Seebers eine Reihe von Filmen. Diese zeigen sie ab dem 16. September 1898 als Glanzpunkt der Varietévorstellungen im Chemnitzer Mosella-Saal öffentlich.
Clemens und Guido Seeber entwickeln danach gemeinsam mit Oskar Meester unter der Bezeichnung »Seeberograph« einen handlichen Reisekinematographen, den sie 1903 als geschütztes Warenzeichen beim Kaiserlichen Patentamt eintragen lassen. Dank der Innovationsfreude der Familie Seeber gibt es vom Freistaat Sachsen extrem frühe dokumentarische Filmaufnahmen. Das ist kein rein biografischer Zufall. Das Königreich ist um 1900 das technisch am weitesten fortgeschrittene deutsche Land. Hier ist man allen technischen Neuerungen gegenüber aufgeschlossen.
Im Nachlass Guido Seebers befinden sich acht frühe Reportagen von Vater und Sohn. Um die »Ausfahrt der sächsischen China-Krieger« zur Niederschlagung des Boxeraufstandes zu filmen, muss sich Sohn Guido nach Bremerhaven begeben. Am 31. Juli 1900 gelingt ihm dort der überhaupt erste Schwenk der Filmgeschichte. Bis dahin hat die Kamera auf einem laufenden Zelluloid-Band bewegende Ereignisse aufgenommen. Jetzt bewegt Guido Seeber ruckelnd und zuckelnd das gefilmte Bild – und tritt in die Filmgeschichte ein. In den Jahren 1900 bis 1902 leistet Guido Seeber seinen Militärdienst ab. Nach dem Tod des Vaters 1905 führt er zunächst das Geschäft weiter.
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