Technologie und Medienrealisation in Film und Video
Share |

Newsletter bestellen







FILMWORKSHOP KOMENDA | BERICHT    Ausgabe 03/12

Start2think

- Anzeige -

Eigentlich hätte dieser Artikel als traditioneller Ausblick über den Teller-Rand bereits in der vor Weihnachten ¬erscheinenden PP-Ausgabe stattfinden sollen, was aus verschiedenen Gründen jedoch nicht klappte. Darum berichtet Hermann Mader nun über ein interessantes Projekt des Filmstudenten Tom Plümmer in Ghana: ein Filmworkshop, der Jugendlichen auf dem Land ein erstes Werkzeug in die Hand gibt, um etwas zu bewegen.

 

Ich drücke »Play« und befinde mich kurze Zeit später auf einer belebten Straße in dem Fischerdorf Komenda an der Küste von Ghana. Die Kamera folgt Emanuel auf seinem Fahrrad, an dessen Lenker eine riesige Eisbox geschweißt ist. In seiner rechten Hand hält er eine ­Hupe, auf die er gelegentlich drückt, um die Blicke auf sich zu ziehen. Nachdem sein Vater, der in Liberia als Fischer gearbeitet hatte, eines Tages von Soldaten mit einem Bus abgeholt wurde und nie mehr zurück kam, hatte sich seine Mutter entschieden, mit ihren Kindern vor dem grausamen Bürgerkrieg nach Ghana zu flüchten. Seitdem ist Emanuel gezwungen, Softeis zu verkaufen, um sein Schulgeld zu finanzieren. Jedes Eis bringt ihm 2,5 Cent, was die Schulgebühren von 150 Euro pro Halbjahr praktisch unerreichbar macht. Obwohl Emanuel bis in die Nacht verkauft und sogar auf der Straße schläft, um am nächsten Morgen vor der Schule vom besten Standort aus wieder verkaufen zu können, ist der Neunzehnjährige immer noch in der dritten Klasse, da er die Gebühren für die Prüfungen nicht zahlen kann.

Emanuel ist mit dieser traurigen Geschichte nicht alleine in Komenda. Nahezu jedes Kind kann eine erzählen, wenn es darum geht, zu berichten, wie schwer es ist, an Schulgeld zu kommen, da das Dorf außer Landwirtschaft, Fischerei und den Markt kaum andere Berufsmöglichkeiten bietet. Es war Emanuels eigene Entscheidung, diese ausdrucksstarke Sechs-Minuten-Doku über sein Schicksal zu drehen, um Menschen in der Welt auf seine Lebensumstände aufmerksam zu machen – verbunden mit der Hoffnung, dass es eventuell jemanden gibt, der seine ausweglose Lage verbessern kann. Die Film entstand, nachdem er erfahren hatte, dass es seit 2009 einen Filmworkshop in dem sonst so ruhigen Dorf gibt.

Der geht auf die Idee des damals 19-jährigen Tom Plümmer zurück. Tom hatte über das Malen seinen Weg zum Film gefunden. Den entscheidenden Anstoß gab ein Filmkurs an der August Bebel Schule für ­Mediendesign in Offenbach am Main. Von da an war er »von der Kraft des Mediums gefesselt.« Er fing an, ­neben dem Malen Kurzfilme zu drehen, die auf Festivals gezeigt wurden, und lernte mehr bei seinen Jobs an den Sets verschiedener Filmemacher, u.a. beim »Tatort« des HR. Parallel wuchs sein Interesse an Afrika: »In Deutschland berichten die Medien meist von ›Afrika‹, und komprimieren 53 Länder und 2000 Sprachen zu einem undefinierbaren Ganzen. Deswegen wollte ich schon immer selbst sehen, wie es dort ist.« Tom hatte vom Programm »weltwärts« des BMZ gehört. Er wollte seine bisherigen Kenntnisse über das Filmen anwenden und vertiefen, dabei Kindern und ­Jugendlichen anhand eines Filmworkshops eine Erweiterung ihres Horizontes ermöglichen und ihnen gleichzeitig eine Stimme geben. »Das empfand ich als viel sinnvoller, als einfach irgendwo anzufangen und zu ›helfen‹«. Diese Idee präsentierte er der Hilfsorganisation »African Information Movement« (AIM.), die sich in Ghana auf Jugendbildung konzentriert. Freie Mittel für Projekte wie dieses gab es zwar nicht, aber bei AIM. zeigte man sich sehr interessiert und gab grünes Licht, um Film im AIM.-Jugendclub zu unterrichten. Das BMZ unterstützte über das Programm »weltwärts« die Aufenthaltskosten und den Flug, Freunde und Bekannte sowie der Hessische Rundfunk halfen beim notwendigsten Equipment. So wurde aus der Idee Wirklichkeit, über die Tom auf seinem Blog unter www.start2think.de berichtet.

Tom Plümmer: »Wir alle wissen, das Film das wohl einflussreichste Medium unserer Zeit ist. Es erreicht uns, die meisten Menschen lieben es, denn es hilft uns entweder aus der Realität zu entfliehen oder eben sie besser zu verstehen. Ich wollte deshalb Jugendlichen Film beibringen, um ihnen so eine unabhängige Plattform zu geben, auf der sie über ihre Visionen, Wünsche und Probleme ungehindert sprechen können und vor allem durch die neue Kommunikationstechnologie wie YouTube und Blogs diese Stimme jedem in der Welt zugänglich machen.« Mit dem Workshop wurde ein interkultureller Austausch angestrebt, die Themenwahl der Filme wurde den Jugendlichen offen gelassen.

Anfangs war Tom Plümmer sich nicht ganz sicher, ob der Filmworkshop angesichts der Realität vor Ort tatsächlich funktionieren würde. Doch schon in der ersten Woche hatten sich mehr als 20 interessierte und motivierte Jugendliche versammelt.


<< zurück