Technologie und Medienrealisation in Film und Video
ANTICHRIST | PRODUKTIONSBERICHT
    Ausgabe 09-10/09

Teuflisch kompliziert

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Unabhängig von seinem polarisierenden Inhalt ist Lars von Triers »Antichrist« produktionstechnisch besonders interessant: in keiner Spielfilmproduktion zuvor wurde mit der Phantom HD eine Highspeed-Kamera derart szenisch eingesetzt. Zudem lagen die Dailies aufgrund eines ausgeklügelten Workflows auch aus den beiden Red Ones bereits am nächsten Tag farbkorrigiert in 2K am Set vor. Ruodlieb Neubauer sprach mit Stefan Ciupek, der hier als technischer Supervisor, 2nd-Unit-Kameramann und Colorist fungierte, sowie mit Colorist Dirk Meier.

Teuflisch kompliziert<br>

Teuflisch kompliziert



Zur Illustration der Grading-Arbeiten haben wir unten einigeBeispiele wiedergegeben. Die Version in Originalgröße ist mit diesenBildern verlinkt, Sie können diese per Rechtsklick herunterladen.


»Antichrist« beginnt mit einer fünf Minuten langen Anfangssequenz, die in extremer Zeitlupe mit bis zu 1000 Bildern pro Sekunde auf der Phantom HD von Vision Research gedreht wurde: sehr ästhetische Bilder in s/w. Stefan Ciupek: »Ich hatte bereits mehrere Projekte mit Lars von Trier gemacht und darauf gehofft, dass er wieder zum visuell komponierten Stil seiner früheren Werke wie ›Element of Crime‹, ›Europa‹, oder etwa ›The Kingdom‹ zurückkehren würde. In den jüngsten Filmen war er ja sehr in Richtung Dogma bzw. Handkamerastil gegangen – sehr schauspielernah, aber nicht so visuell ästhetisch. Auf diese Ebene ist er bei Antichrist zumindest teilweise zurückgekehrt.«

In dieser Anfangssequenz sieht man, wie das Ehepaar, gespielt von Charlotte Gainsbourg (»Sie«) und Willem Dafoe (»Er«), in seiner Wohnung wilden Sex hat, während in Parallelmontage ihr Kleinkind aufwacht und aus seinem Bett herausklettert. Der Babyalarm geht an, sie bemerken es nicht, das Kind läuft durch die Wohnung, beobachtet sie kurz, wie von Gotteshand gesteuert öffnet sich ein Fenster durch einen Windstoß. Es schneit draußen, das Kind geht auf das Fenster zu, stürzt hinunter. Auch wie das Kind fällt, wird in langen, sehr ästhetischen Bildern gezeigt, immer wieder von Zwischenschnitten auf die Eltern unterbrochen. Zum Aufschlag wurde zeitgleich der Höhepunkt der Frau montiert.

In »Antichrist« kommen eine Reihe von Zitaten vor, man fühlt sich nicht ohne Grund an »Wenn die Gondeln Trauer tragen« erinnert. Der Film ist Andrei Tarkovsky gewidmet, Elemente lehnen sich immer wieder an dessen Arbeit an. Die Beerdigung des Kindes, die in einer langen Einstellung gezeigt wird, kommt nur mit atmosphärischen Geräuschen, ganz ohne Musik aus. Dem Konzept des Filmes folgend, in dem man außer Gainsbourg, Dafoe und dem Kind keinen anderen Menschen sieht, sind die Gesichter der Trauergäste geblurt. Die Frau verkraftet den Verlust nicht, kommt in monatelange psychologische Behandlung, bis er, von Beruf Psychotherapeut, den Entschluss fasst, sie selbst zu therapieren. Er forscht nach ihren Urängsten und entdeckt ihre Angst vor der Natur. Deshalb fährt er mit ihr in eine Holzhütte in einem verlassenen Waldstück fernab jeder Zivilisation. Der Name: »Eden«.

Er agiert entsprechend der kognitiven Therapie, bei der man gerade das durchmachen muss, wovor man Angst hat, um diese zu überwinden. Manchmal kann dies eine ziemlich brutale Methode sein, woraus auch die Brutalität im Film erwächst. Man ist sich als Zuschauer deshalb nie sicher, wer der Antichrist ist – er oder sie, die sich im Laufe des Filmes stark aus ihrer Opfersituation heraus verändert. In kleinen Episoden wächst bei ihm die Angst vor der Natur, während es ihr besser geht. Das Spiel kehrt sich um, zum Schluss wird der Film sogar splatterartig – Lars von Trier wandert eben gerne durch die Genres.


Visualisierungs-Ebene

Während der Fahrt nach Eden soll sie sich schon die Blockhütte vorstellen. Es folgen Szenen in der Art von Hieronymus Bosch, gedreht in extremer Zeitlupe und mit verschiedenen Ebenen. Diese Visualisation-Shots wurden am Set bis auf fünf, sechs Motion-Control-Shots in festen Einstellungen vom Stativ gedreht – mit bis zu zehn Layern, mit Nebel- und Licht-Durchläufen, in denen nur bestimmte Teile des Bildes ausgeleuchtet wurden. Das Compositing fand bei Platige Image in Warschau statt, wo insgesamt über 80 VFX-Shots mit Combustion, Nuke und Photoshop bearbeitet wurden. Nach dem Schnitt machte Stefan Ciupek dann in der Postproduction-Dependance von Zentropa im schwedischen Trollhättan auf Digital Vision Film Master ein Grading mit bis zu 30 Ebenen, um die gewünschte surreale Ästhetik zu bekommen. »Der Gradingprozess für diese gemäldeartigen Bilder war eine große Herausforderung. Anthony und Lars hatten zwar eine stilistische Vorstellung für diese Bilder – der Weg dorthin war jedoch ganz anders als ein normales Grading. Es war ein schwieriger künstlerischer Prozess, eine Suche, bei der wir immer wieder einzelne Layer verworfen haben und recht experimentell zum Ziel gekommen sind. Erschwerend war, das Lars bei diesem Gestaltungsprozess nicht dabei war und wir uns seiner Vision mit immer neuen Vorschlägen annähern mussten.«

Mit der Phantom HD, die von Dedo Weigert kam, wurden viele Shots in 2K gedreht, um Spielraum für Verschiebungen zu haben. Die Kamera verfügt über einen zu 35mm kompatiblen Sensor (2048 x 2048 Pixel) mit 14 Bit Farbtiefe. Das Bild wurde in Cinemascope gedreht, allerdings in 2K mindestens auf 2:1 offen gehalten, um den Ausschnitt noch verschieben zu können. Bei vielen Highspeed-Tieraufnahmen war der Spielraum für ein Reframing sehr hilfreich, dann wurde 2048 x 2048 aufgezeichnet. In voller Framerate von 1000 Bildern mit 2K – höhere Raten sind mit kleineren Auflösungen möglich – standen mit dem internen RAM der Kamera für Takes nur knapp 10 Sekunden zur Verfügung, was für die Aufnahmen mit Tieren und Schauspielern gewöhnungsbedürftig war...



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