Technologie und Medienrealisation in Film und Video
Das Cabinet des Dr. Caligari | PRODUKTIONSBERICHT    Ausgabe 04/14

Caligari neu sehen

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Anke Wilkening, M.A., Filmrestauratorin der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, leitete die Restaurierung von »Das Cabinet des Dr. Caligari«. Die Fassung feierte als Highlight der Berlinale Classics ihre Weltpremiere. Zu weiteren Projekten der Filmwissenschaftlerin zählten »Metropolis« und »Die Nibelungen«. In diesem Beitrag berichtet sie über das Projekt, für das erstmalig alle weltweit erhaltenen Kopien und das Kamera-Negativ für die digitale Restaurierung in 4K herangezogen wurden.

Dr. Caligari (Werner Krauß), Cesare (Conrad Veidt) und Jane (Lil Dagover), digitale Bildrestaurierung: L`Immagine Ritrovata – Film Conservation & Restoration, Bologna © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

Anke Wilkening, M.A., Filmrestauratorin der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung © Bertelsmann

 

Schlüsselfilm des deutschen Kinos, Klassiker des Stummfilms, frühes Beispiel des Psychothrillers, erster internationaler Erfolg eines deutschen Films nach dem Ersten Weltkrieg, Prototyp des expressionistischen Films und Stoff für Legenden – »Das Cabinet des Dr. Caligari« steht für vieles.

Trotz dieser exponierten Stellung kam der Film jahrzehntelang in angestaubtem Gewand daher. Restaurierungen des Filmmuseums München (1980), des Bundesarchiv-Filmarchivs in Koblenz (1984) und im Rahmen des europäischen MEDIA-Projekts »Lumière« (1995) brachten zwar wichtige ästhetische Verbesserungen mit sich. Doch alle Arbeiten stießen an Grenzen. Es blieben diverse Verschleißerscheinungen, die typische Patina eines »alten Stummfilms«: Schmutz, Kratzer und Schrammen, die als weiße Gespenster durch das Bild huschen; harter Kontrast, der von den Gesichtern der Darsteller oft nur helle Flächen übrig lässt; hüpfender Bildstand und zahlreiche Einstellungen mit Bildsprüngen sowie schwer lesbare Zwischentitel. Diese drei fotochemischen Restaurierungsansätze griffen auf unterschiedliche Quellen zurück, doch waren es jedes Mal Kopien, in denen diese Mängel ­bereits einkopiert sind.

Erst jetzt, beinahe 20 Jahre nach der letzten Restaurierung, greift die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung in Wiesbaden erstmals auf das Kameranegativ des Films aus dem Bundesarchiv-Filmarchiv in Berlin zurück und führte außerdem alle erhaltenen historischen Kopien aus Filmarchiven weltweit zusammen. Die nunmehr digitale Bildrestaurierung in 4K erfolgte bei L’Immagine Ritrovata in Bologna.

Der stumme Zeuge

Grundlegende Frage bei einer Filmrestaurierung ist: Wie sah der Film aus, als er in die Kinos kam? Welche für seine Zeit typischen ästhetischen Besonderheiten hatte er? Was unterschied ihn von anderen Produk­tionen? Im Fall von »Das Cabinet des Dr. Caligari« ­haben sich die beteiligten Personen als wenig vertrauenswürdige Zeitzeugen erwiesen. Auch die Film­geschichte schrieb über Jahrzehnte manche Mythen und Legenden fort.

Ausgerechnet die einzige Quelle, die alles – von den Dreharbeiten und der Herstellung der Premierenkopie über zahlreiche Verleihkopien bis hin zu Archivkopien – buchstäblich am eigenen Leib erfahren hat, wurde lange übersehen: das Kameranegativ, ein »stummer Zeuge«. Will man seine Version der Geschichte erfahren, muss man die Spuren lesen, die diejenigen hinterlassen haben, durch deren Hände es in mehr als 90 Jahren gegangen ist. Wichtiges Hilfsmittel sind dabei die zwischen 1920 und 1940 entstandenen Kopien, die in Archiven in Europa, Lateinamerika und den USA überliefert sind.


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