Technologie und Medienrealisation in Film und Video
IRON SKY | PRODUKTIONSBERICHT    Ausgabe 04/12

Nazis im Weltall

- Anzeige -

Die finnische Sci-Fi-Komödie »Iron Sky« war der Überraschungshit der Berlinale. Sonja M. Schultz ließ sich von Regisseur Timo Vuorensola die Geschichte des Space-Abenteuers erzählen, das als Schnapsidee in der Sauna begann.

 

Es war einmal in Finnland, vor sechs Jahren. Timo Vuorensola, damals 26 Jahre alt, saß mit seinem Kumpel Jarmo Puskala in der Sauna, als Jarmo von einer ­Storyidee berichtete, die ihm schon länger im Kopf ­herumging: Was, wenn die Nazis nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit Raumschiffen ins All entkommen wären? Was, wenn sie auf der dunklen Seite des Mondes eine geheime Basis errichtet hätten? Und wie wäre es, wenn sie in nicht allzu ferner Zukunft zurückkämen, um die Erde zu erobern?

Während die beiden Freunde noch einen Aufguss machten, fantasierten sie munter drauflos. Sechs Jahre später feierte »Iron Sky« seine Weltpremiere auf den 62. Berliner Filmfestspielen. Dort wurden die Mondnazis – neben dem neuen Werk des Bollywood-Superstars Shah Rukh Khan – zum Kassenschlager. Der Trailer zu »Iron Sky« erreichte auf YouTube innerhalb einer Woche über fünf Mio. Klicks und überholte damit »Spider Man« und andere Hollywood-Blockbuster, deren Werbeausgaben gewaltiger sind als das gesamte Budget der finnischen ­Indie-Produktion.

Ein chinesischer Game-Hersteller stahl bereits das Konzept des Films, um ein iPad-Spiel zu entwickeln – nun wird über eine Zusammenarbeit verhandelt. Noch während der Berlinale verkaufte sich das Werk an Nordamerika und Israel, der deutsche ­Kinostart ist Anfang April. Für den geneigten Fan gibt es inzwischen »Iron Sky«-T-Shirts und Poster, Mauspads, Comics und Zahnbürsten (!). Wie konnte das ­alles geschehen?

Leidenschaftliche Filmbegeisterung und ausgeprägtes Nerdtum. Das sind die wichtigsten Komponenten dieser sehr speziellen Außenseitergeschichte. Die Basis für den Erfolg von »Iron Sky« wurde bereits in den 1990er Jahren gelegt. Damals werkelte der noch unbekannte junge Regisseur Timo Vuorensola gemeinsam mit dem Visual-Effects-Bastler Samuli Torssonen und einem Team von weiteren Filmverrückten jahrelang an einer Star-Trek-Parodie. Die finnische 15 000-Euro-Produktion entstand hauptsächlich mit Hilfe einer Sony DSR-200P DVCam, einiger weniger Leuchten, eines alten TV-Geräts und eines kaputten Rollstuhls. Als Bluescreen diente eine blaue Plane, der Film wurde zum Teil im Wohnzimmer des Produzenten gedreht und in dessen Küche mit 3D Studio Max, ­Adobe After Effects und Lightwave postproduziert. Der 2005 fertig gestellte »Star Wreck: In the Pirkinning« (PP12/05) erreichte im Internet eine schnell wachsende Fangemeinde und Millionen Zuschauer. Auf diese Community, die das Projekt teils bereits während seiner Entstehung verfolgt hatte, konnte »Iron Sky« zurückgreifen. Von Beginn an begleiteten Webseite und Blog den geplanten Film, hinzu kamen Videotage­bücher, später Teaser und Trailer auf facebook und ein gut florierender Online-Shop.

Durch die konsequente Nutzung von Social Media in allen Stadien der Produktion baute sich eine Online-Gemeinschaft auf, die nicht nur bei der Entstehung von »Iron Sky« über Jahre mitfieberte, sondern die auch bereit war, zum Film beizutragen. Der Begriff »Crowdsourcing« ist eng mit dem Projekt verknüpft und macht letztlich – neben der unschlagbaren Plotprämisse von Nazis auf dem Mond – sein Alleinstellungsmerkmal aus. Durch die frühe Einbindung eines zukünftigen Publikums konnten die Filmemacher immer wieder auf die Unterstützung der Masse zurückgreifen. Fans waren in die Entwicklung des Skripts und der Designs eingebunden, sie wirkten als Komparsen mit, halfen bei der Suche nach Locations und Unterkünften. Unterstützer aus allen Teilen der Welt stellten kostenlos Musik für die Videotagebücher zur Ver­fügung oder übersetzten Teaser in ihre jeweilige Landessprache. Das Netzwerk aller Interessierten warb kräftig für den Film, dessen Marketingkonzept so einfach wie kostengünstig lautet: »sharing is caring«. Auch Mitarbeiter wie ein neuer Webprogrammierer oder ein LightWave-Artist wurden über das Internet ­rekrutiert. Zuletzt wurde »Iron Sky« zum Parade­beispiel für Crowdfinancing und Crowdinvesting.

7,5 Mio. Euro betrug das Budget der finnisch-deutsch-australischen Koproduktion. Der Hauptteil wurde auf traditionellem Weg akquiriert. So profitierte der Film neben der Unterstützung durch die finnische Filmstiftung etwa vom australischen und vom deutschen Fördersystem, darunter auch vom DFFF und dem MEDIA-Programm. Auch HessenInvestFilm kam mit ins Boot – beziehungsweise Raumschiff. »Es war allerdings schwer, in Deutschland Förderung zu bekommen«, berichtete Koproduzent Oliver Damian auf der Berlinale-Pressekonferenz zu »Iron Sky«. »Produktionen dieser Art gibt es einfach nicht in Deutschland.« Der Argwohn gegenüber einem zunächst nach purem Trash klingenden Projekt mit Mondnazis war recht groß. Nicht so in der digitalen Community – denn rund zehn Prozent des Budgets kamen durch über das Internet gesammelte Spenden und Beteiligungen sowie verkaufte Fanartikel zusammen. Am Ende hatte das Team, das zudem in einem kleinen Experiment verschiedene Crowdfunding-Plattformen testete, viel über diese neue Möglichkeit der Finanzierung gelernt.


<< zurück
- Anzeige -

Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Mit der Anmeldung nehme ich folgende Informationen zur Kenntnis:

Ihre Angaben werden entsprechend den gesetzlichen Bestimmungen zum Datenschutz verarbeitet, genutzt und insbesondere nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben. Wir erheben, verarbeiten und nutzen die von Ihnen angegebenen personenbezogenen Daten nur zum Zwecke der Zusendung unseres Newsletters. Sie können der Verarbeitung und Nutzung Ihrer E-Mail-Adresse im Newsletter jederzeit widersprechen und sich abmelden. Hierzu klicken Sie bitte in der E-Mail auf den entsprechend gekennzeichneten Link, Ihre Daten werden dann gelöscht.

Es gilt die Datenschutzerklärung (https://www.eubucoverlag.de/datenschutz/) der EuBuCo Verlag GmbH, die auch weitere Informationen über Möglichkeiten zur Berichtigung, Löschung und Sperrung Ihrer Daten beinhaltet.

Folgen Sie uns auf