Technologie und Medienrealisation in Film und Video
62. Berlinale | FESTIVALBERICHT    Ausgabe 04/12

Revolution, baby!

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Umbrüche und Revolten – Das war das Motto der 62. Internationalen Filmfestspiele. Sonja M. Schultz besuchte einen starken Berlinale-Jahrgang mit alten Meistern, jungen Widerständlern und vielen Entdeckungen.

 

Klaus Lemke hat den Rebell im Blut. Da das neueste Werk des deutschen Filmemachers wieder einmal von der Berlinale abgelehnt wurde, entschloss sich der 71-Jährige trotz Eiseskälte zur Nacktdemo auf dem Roten Teppich. Mit seinem blanken Hintern protestierte der Altrocker unter den deutschen Independentfilmern bei der »Aktion Toter Teppich« gegen das Filmförderungssystem im Allgemeinen und Dieter Kosslick im Besonderen: »Wir haben die schönsten Frauen, wir bauen die besten Autos. Aber unsere Filme sind wie Grabsteine. Die Top-Langweiler der Welt.«

Ob dem so ist, konnten die Zuschauer in den nächsten Tagen selbst entscheiden. Direkt nach der Entblößungsaktion startete die Eröffnungsgala der 62. Filmfestspiele. Mit gewohnt launiger Moderation präsentierten sich Anke Engelke und Dieter Kosslick dem Publikum im Berlinale-Palast ein wenig wie die beiden Alten aus der Muppet Show, die von ihrem Balkon aus das Geschehen im Saal lästernd kommentieren. Doch dann ging es los, und zehn Tage später konnte sich die Bilanz des diesjährigen Festivals sehen lassen: 395 Filme, rund 300 000 verkaufte Karten, ein gut besuchter Filmmarkt, einige starke deutsche Beiträge, cineastische Neuentdeckungen und ungewohnt viele zufriedene Kritiker.

Naturgemäß hat es die Berlinale nicht nur witterungstechnisch schwer, sondern auch mit ihrer Terminlage zwischen dem Sundance-Festival Ende Januar und der vorgezogenen Oscar-Verleihung, was oft spannende US-Beiträge vom Internationalen Wettbewerb ausschließt. So gab es in dieser Sektion mit Billy Bob Thortons »Jayne Mansfield’s Car« auch nur ­eine US-amerikanische Produktion zu sehen. Doch das ist nicht weiter schlimm, wenn stattdessen starkes Arthouse-Kino aus dem Rest der Welt nach Berlin kommt – eine Strategie, die in diesem Jahrgang mit der Platzierung vieler noch junger Filmemacher gut aufging. Auch dem deutschen Kino war durch die drei Wettbewerbsbeiträge von Christian Petzold, Hans-Christian Schmid und Matthias Glasner wieder eine prominente Plattform geboten.

Überzeugen konnte davon Petzolds »Barbara«, der den Regiepreis erhielt. Das in der DDR angesiedelte Drama mit Petzold-Stammschauspielerin Nina Hoss war von vielen als Kandidat für den Goldenen Bären gehandelt worden. Der ging allerdings an das Regie-Duo Paolo und Vittorio Taviani für »Caesar must die« (»Cesare deve ­morire«) – eine überraschende Entscheidung der unter anderem mit Asghar Farhadi, Charlotte Gainsbourg, François Ozon und Barbara Sukowa besetzten Jury unter ihrem Vorsitzenden Mike Leigh. Die beiden über 80-jährigen italienischen Altmeister stehen nun gerade nicht für aufregendes, junges Kino. Mit ihrem zwischen Doku und Fiktion, Schwarz-Weiß und Farbe balancierenden Gefängnisdrama probierten sie allerdings eine neue Erzählform aus: Sechs Monate lang filmten sie die Proben zu »Julius Caesar« in einem römischen Hochsicherheitsgefängnis. Zu lebenslanger Haft verurteilte Mörder und Mafiosi spielen Shakespeare und ­gelangen darüber auch zu neuen Einsichten ins eigene Leben. »Seit ich die Kunst verstehen gelernt habe, hat sich meine Zelle in ein Gefängnis verwandelt«, erklärt einer der Darsteller.


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