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NITROFILM-Kassation | REPORT    Ausgabe 06/16

Feuer frei aufs Filmerbe?

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Nitrofilm fällt unter das Sprengstoffgesetz. Ein wichtiger Teil des deutschen Filmerbes ist davon betroffen; und um den richtigen Umgang mit dem Material wird heftig gestritten. Die Initiative »Filmdokumente retten« des Historikers Dirk Alt wirft dem Bundesarchiv vor, systematisch Originale zu vernichten. Archivleiter Dr. Michael Hollmann lässt die rechtlichen Grundlagen der sogenannten »Kassation« gerade prüfen. Sonja M. Schultz sprach mit beiden.

 

Wie Nitrofilm zur Bombe umfunktioniert werden kann, das hat Quentin Tarantino in »Inglourious Basterds« fantasiert: Die gesamte Führungsriege des »Dritten Reichs« wird während einer Kinovorstellung in die Luft gejagt. Tatwerkzeug: ein Haufen Nitrozellulose-Filmrollen, entzündet von einer lässig hinein geschnippten brennenden Zigarette.

Tatsächlich stellt die Lagerung von Filmmaterial, dessen Schichtträger auf der Basis von Zellulosenitrat aufgebaut ist, eine Herausforderung dar. Nitrofilme sind grundsätzlich eine zersetzliche Substanz. Je weiter der Zersetzungsprozess, desto ­höher der Grad der Entzündlichkeit. Während frischer Nitrofilm bei circa 130°C in Brand gerät (und nicht mehr löschbar ist), kann sich stark zersetztes Material schon unterhalb von 40°C entzünden. Betroffen sind die ältesten Zeugnisse der Kinematografie ab 1895 – ob nun das Wintergarten-Programm der Brüder Skladanowsky, Aufnahmen von Wilhelm II, ein Klassiker wie »Metropolis« oder NS-Propaganda. In der BRD wurde die Verwendung von Nitromaterial 1957 verboten. Die ostdeutsche Filmfabrik Wolfen stoppte den Nitro-Einsatz in den 1960er Jahren. Einerseits ist Nitrozellulose also hochsensibel. Andererseits wird Nitro unter archivarischen Idealbedingungen eine Lebenszeit von mehreren 100 Jahren vorhergesagt.

Hochsicherheitstrakt für Film

Nach der Wiedervereinigung wurde in Berlin-Hoppegarten das Außenlager des Bundesarchivs errichtet, um das Nitrofilmerbe sachgemäß unterbringen zu können. Hier lagern heute rund 70.000 Filmbüchsen in ­einem klimatisierten Betonbau hinter einer schweren Brandschutztür. Sicherheitstüren, Alarmsysteme und große Kühlanlagen sollen das Material vor Zerfall und Entzündung schützen. Die Außenmauern von Hoppegarten, die bei einer Explosion dem Druck nachgeben würden, sind zusätzlich mit einem dahinter aufgeschütteten Erdwall gesichert. Einige Mitarbeiter des Bundesarchivs haben die Wucht einer Nitrodetonation erleben müssen, als es 1988 in Koblenz-Ehrenbreitstein im Filmarchiv zur Explosion kam. Filmbüchsen wurden bis in den Rhein geschleudert, Menschen glücklicherweise nicht verletzt. Aber der Schreck saß tief. 


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