Technologie und Medienrealisation in Film und Video
Bergfried | Produktionsbericht    Ausgabe 07-08/16

Unheimliche Heimat

- Anzeige -

Zwischen Bergpanorama und verdrängter Schuld – Jo Baier inszenierte das historische Drama »Bergfried« in der Steiermark. Sonja M. Schultz befragte den Regisseur und seinen DoP Martin Gschlacht zu einem Fernsehfilm mit langer Vorgeschichte.

Kameramann Martin Gschlacht, Regisseur Jo Baier, Peter Simonischek, Marit Nissen © Petro Domenigg

Kameramann Martin Gschlacht, Regisseur Jo Baier, Peter Simonischek, Marit Nissen © Petro Domenigg

 

Ein malerisches Bergdorf mit steinerner Kirche, Posaunen blasen zur Beerdigung eines angesehenen Mitglieds der Gemeinde. Doch kaum ist der Sarg im Boden versenkt, taucht eine kleine Kiste mit Erinnerungen aus der Vergangenheit auf. Und diese Vergangenheit birgt ein Geheimnis, das von der Idylle der österreichischen Berge in ein Dorf der Toskana führt – zurück ins Jahr 1944. Damals verübten Truppen der Waffen-SS in der Ortschaft Sant’Anna di Stazzema ein mehrstündiges Massaker, dem mehrere Hundert Menschen zum Opfer fielen, viele davon Kinder. Eine juristische Aufarbeitung der Morde ließ lange auf sich warten. 2005 verurteilte ein italienisches Militärgericht zehn damals in Deutschland lebende Täter zu lebenslanger Haft. Deutschland lieferte die Männer, von denen einige heute noch am Leben sind, nicht aus und stellte eigene Ermittlungsverfahren wieder ein. Regisseur Jo Baier, der die Landschaft in der Nähe von Sant’Anna in den 1980er Jahren als Urlauber für sich entdeckt hatte, erfuhr erst nach einiger Zeit von der Geschichte dieses Ortes. »Das hat mich damals sehr erschüttert und beschäftigt, weil ich als Deutscher natürlich sofort das Gefühl hatte, das geht mich auch etwas an. Von dem Zeitpunkt an habe ich immer wieder nachgeforscht.«

Von der Idee zum Buch

»Ich habe überlegt, wie man von den damaligen Ereignissen so erzählen kann, dass die Zuschauer sie auch ertragen können«, sagt Jo Baier. »Und ich wollte zugleich beschreiben, was eigentlich mit den Tätern geschieht. Wie sind die in unsere Gemeinschaft integriert? Man weiß ja, dass Menschen, die so eine Tat begehen, danach ganz normal in unserem Umfeld leben. Man merkt ihnen nichts an. Dazu kommt, dass damals zwei kleine Buben das Massaker durch Zufall überlebt haben. Daraus habe ich die fiktive Geschichte gemacht, dass einer dieser Buben später den Täter sucht, der seine Familie auf dem Gewissen hat.«

2005 trat der mehrfache Grimme-Preis- und sogar Bundesverdienstkreuzträger Jo Baier zum ersten Mal mit dem Stoff an das Bayerische Fernsehen heran: »Da gab es eine inzwischen eingestellte Reihe – Alpendramen. Ich dachte, dort könnte die Geschichte gut passen, aber das hat sich nicht realisieren lassen. 2011 habe ich dann ein fertiges Drehbuch eingereicht und so kam der Stein langsam ins Rollen.« Finanziert wurde »Bergfried« gemeinsam mit dem ORF. »Zwei Millionen Euro sind zwar keine Unsumme, aber sie gehen trotzdem über das normale ›Tatort‹-Maß ­hinaus«, so Baier. Produziert wurde der Fernsehfilm von Zieglerfilm München und der Wiener epo-film Produktionsgesellschaft. Der geplante Sendetermin liegt im Herbst.

Gedreht wurde dementsprechend in Österreich, wo sich die Gemeinde Pürgg als ideal ­herausstellte. Die Ortschaft, auch »Kripperl der Steiermark« genannt, liegt zwischen dem imposanten Gebirgsstock Grimming und dem Toten Gebirge – ein herrlicher Anblick für Panorama-Aufnahmen. Gleichzeitig passten die vorhandenen Bauten, die Häuser und Straßen, ohne allzu große Umbauten und Retuschen gut in die Handlung der 80er Jahre. »Mit kleinen Korrekturen war es oft möglich, große Effekte zu erzielen«, sagt der Regisseur. Hier entstanden im Umkreis von maximal 30 Kilometern alle Aufnahmen des Films. Das konzentrierte Arbeiten an nur einem Ort kam der straffen Vorgabe von 24 Drehtagen entgegen. »Bisher hatte ich immer 26 Tage für einen Fernsehfilm«, erzählt Jo Baier. »Es wird also immer weniger. Durch die Umstände und die Art, wie wir gedreht haben, war es aber machbar.« Am 1. September 2015 fiel die erste Klappe für »Bergfried«, Anfang Oktober die letzte. 


<< zurück
- Anzeige -

Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Mit der Anmeldung nehme ich folgende Informationen zur Kenntnis:

Ihre Angaben werden entsprechend den gesetzlichen Bestimmungen zum Datenschutz verarbeitet, genutzt und insbesondere nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben. Wir erheben, verarbeiten und nutzen die von Ihnen angegebenen personenbezogenen Daten nur zum Zwecke der Zusendung unseres Newsletters. Sie können der Verarbeitung und Nutzung Ihrer E-Mail-Adresse im Newsletter jederzeit widersprechen und sich abmelden. Hierzu klicken Sie bitte in der E-Mail auf den entsprechend gekennzeichneten Link, Ihre Daten werden dann gelöscht.

Es gilt die Datenschutzerklärung (https://www.eubucoverlag.de/datenschutz/) der EuBuCo Verlag GmbH, die auch weitere Informationen über Möglichkeiten zur Berichtigung, Löschung und Sperrung Ihrer Daten beinhaltet.

Folgen Sie uns auf