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news | Nachruf    10.07.2018

Zum Tod von DoP Robby Müller - Das Gefühl für Licht

Im Alter von 78 Jahren starb der unvergleichliche Bildkünstler Robby Müller in Amsterdam.

DoP Robby Müller und Jim Jarmusch beim Dreh von "Down by Law" © Privatarchiv Robby u. Andrea Müller/Foto: Paul Ferrara

Rüdiger Vogler in "Alice in den Städten" © Wim Wenders Stiftung

Nastassja Kinski in "Paris, Texas" © Wim Wenders Stiftung, Argos Film

 

Das Gefühl für Licht

Der auf der niederländischen Karibikinsel Curacao geborene Robby Müller kam nach dem Filmstudium an der Netherlands Film Academy und Assistentenzeit bei Kamera-Veteran Gérard Vandenberg 1968 nach Deutschland und mit deutschen Autorenfilmern wie Hans W. Geissendörfer ("Der Fall Lena Christ", 1970), Edgar Reitz ("Die Reise nach Wien", 1973) und Peter Lilienthal ("Es herrscht Ruhe im Land", 1975) in Kontakt. Vor allem durch seine Zusammenarbeit mit Wim Wenders (seit "Summer in the City", 1971) wurde er in den Siebzigerjahren bald einer der prägenden Kameramänner des Neuen Deutschen Films.

Später dann wurde er ein gefragter DoP des US-Indie- und europäischen Arthouse-Kinos und drehte mit Jim Jarmusch Kultfilme wie "Down By Law" und "Dead Man". Auch der dänische Dogma-Visionär Lars von Trier setzte auf sein besonderes Bildgefühl.

Der Zufall war für ihn immer Teil des bildgestalterischen Moments - Licht sein Material. Auf minimale lichttechnische Mittel vertrauend, versuchte er stets  möglichst auf künstliche Beleuchtung am Filmset zu verzichten und "natürliches" Licht zu finden und einzusetzen. Überhaupt galt für den niederländischen Kameramann, der selbst nie gern im Rampenlicht stand, stilistische Zurückhaltung und die Beschränkung auf das Wesentliche: weniger ist mehr. Das betraf neben dem virtuosen Umgang mit Cadrage und Kamerabewegungen auch sein Bevorzugen der Schwarzweiß-Fotografie wie in manchen Filmen für Wim Wenders ("Alice in den Städten", 1974, "Im Lauf der Zeit", 1976) und Jim Jarmusch ("Down by Law", "Dead Man"). Weil „Farbe meist zu viel Information liefert. Wie bei einem Gedicht, wo man die Worte weglässt, die man nicht benötigt.“

Wim Wenders wie Jim Jarmusch, mit denen Robby Müller kontinuierlich zusammenarbeitete, sind Regisseure, die Orten, Städten und Landschaften und ihrem Licht- und Farbcharakter besonders verbunden sind. Sie schätzten seine ganz besondere Fähigkeit, mit der Kamera Orte und ihre ganz eigene Lichtstimmung einzufangen. „Robby fand immer das richtige Licht,” so Wenders. Etwa die endzeitlich anmutenden, schummerig-schmutzigen Farbtöne in "Der amerikanische Freund"(1977) und die nächtlichen ins Karminrot kippenden Neon-Interieurs, die auf seine Gestaltungsidee zurückgingen. „Die Farbstiche, die andere Kameraleute aus den Bildern tilgten, sahen wir damals als Qualität," erinnert sich Wenders. „Meist findet man den Stil eines Films in den ersten zwei, drei Tagen".

Seien es die lyrische Dichte der Städte und Landschaften in Wenders´Roadmovies "Alice in den Städten"(1974) oder "Paris, Texas"(1984, Goldene Palme in Cannes), die zuweilen an die Gemälde Edward Hoppers erinnern, oder die depressiven ländlichen Weiten im tiefentlegenen Deutschland von "Im Lauf der Zeit", die den Einfluss von Walker Evans‘ Schwarzweißfotografie spüren lassen. Müller´s Bildkunst ist aber auch dieser unverblümte, präzise Blick auf Menschen, und "was zwischen ihnen entsteht, sie in eigenartige Schwingungen versetzt".

Mit Wim Wenders drehte Robby Müller allein 14 Filme innerhalb von 30 Jahren, mit Jim Jarmusch sechs. Es war wohl die europäische Prägung seines Blicks, die ihn auch für internationale Arthouse-Regisseure attraktiv machte: die New Hollywood Veteranen Peter Bogdanovich ("Saint Jack", 1979; "Sie haben alle gelacht",1981) und William Friedkin (“Live an Die in L.A.“, 1985) engagierten ihn, Barbet Schroeder drehte mit ihm "Spieler" (1984, teilweise auf Madeira gedreht) und die Bukowski-Verfilmung "Barfly" (1987) im nächtlich-urbanen, heruntergekommenen Los Angeles. Darauf folgte eine ganze Reihe von Arbeiten für Jim Jarmusch ("Down by Law",1986; "Mystery Train",1989; "Dead Man", 1995 “Ghost Dog“ (1999).

Auch andere amerikanische Cineasten schätzten seine naturalistische Lichtführung, wie Jerry Schatzberg, John Schlesinger, oder auch Alex Cox für den Kultfilm "Repo Man" (1984), sowie John McNaughton für seinen beachtlichen "Mad Dog and Glory" (1993).

Seiner ebenso uneitlen wie unaufwendigen Licht- und Handkamera-Arbeit auch nach zehnjähriger US-Zeit treugeblieben, wagte Robby Müller danach immer wieder kreative Ausnahmeprojekte mit europäischen Filmgrößen wie dem Polen Andrzej Wajda ("Korczak",1990, sw), dem Briten Michael Winterbottom ("24 Hour Party People", 2002) und schließlich mit Filmvisionär Lars von Trier ("Breaking the Waves",1996 und "Dancer in the Dark", 2000), dem er mit spektakulärem Großeinsatz von 100 Digitalkameras beim Musical "Dancer in the Dark" im Jahr 2000 zur Palme d’Or in Cannes verholfen hat.

Zuletzt hat der DoP 2004 für den exzentrischen ungarischen Altmeister Bela Tarr zum Episodenfilm "Europäische Visionen" seinen künstlerischen Beitrag geleistet, mußte dann aber in den Folgejahren gesundheitsbedingt seine berufliche Tätigkeit aufgeben. Er litt in den letzten Jahren unter vaskulärer Demenz, die ihm das Sprechvermögen raubte. Im Alter von 78 Jahren starb der unvergleichliche Bildkünstler am 3. Juli 2018 in Amsterdam.

Robby Müller wurde drei Mal mit dem Deutschen Filmpreis in Gold ausgezeichnet und erhielt den Bayerischen Filmpreis. 2013 verlieh die American Society of Cinematographers dem "Meister des Lichts" ihren Ehrenpreis für sein photographisches Lebenswerk. (PP / Romain Geib)

 



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