Technologie und Medienrealisation in Film und Video
news | Personalien    02.04.2019

Auf Wiedersehen Agnès Varda

Im Alter von neunzig Jahren ist die Bilderproduzentin Agnès Varda gestorben.

Agnès Varda, Filmstill aus "Varda by Agnès" © Ciné-Tamaris

Agnès Varda, Filmstill aus "Varda by Agnès" © Ciné-Tamaris

Agnès Varda © Ciné Tamaris

Agnès Varda, Filmstill aus "Die Strände von Agnès" © Ciné-Tamaris

 

Schon in ihren Jugendjahren entwickelte sie ihren ausgeprägten Unabhängigkeitsgeist, den sie sich ihr ganzes Leben lang bewahrt hat und ihre ureigene künstlerische Arbeitsweise: stets unvorhersehbar, dickköpfig und einem eigenen Weg folgend in drei parallelen Schaffensphasen als Fotografin, als Filmemacherin und als bildende Künstlerin. 

Bis ins hohe Alter blieb Agnès Varda neugierig auf die kleinen Dinge des (Alltags)Lebens, erkundete die Welt, um sie durch genaues Hinsehen und Abbilden spielerisch neu zusammen zu setzen. Zeit ihres Lebens war sie eine Sammlerin von Bildern. In 65 Jahren produzierte und realisierte sie mehr als fünfzig Filme, entwicklelte eine persönliche, meist unorthodoxe Mischform von Dokumentarischem und Fiktionalem. In Anlehnung an die "cinéma vérité"-Dokumentarfilmer der 60er Jahre bezeichnete sie sich selbst gerne als "documenteuse", die sich mit ihrem "cinéma mensonge" bei der Suche nach dem “richtigen Bild“ stets einer persönlichen subjektiven künstlerischen Wahrheit verpflichtet fühlte, weil sie der reinen, neutralen Realitätswiedergabe durch das Medium Film mißtraute. Inszenierung sei bei jeder Gestaltung immer im Spiel, so ihr Credo. Auch als Person und Künstlerin lag ihr eine authentische, erfrischende Selbstdarstellung nicht so fern.

Als Tochter eines griechischen Vaters und einer französischen Mutter wird Agnès Varda am 30. Mai 1928 in Brüssel geboren, wächst aber seit den 40er Jahren im unbesetzten Frankreich an der südfranzösischen Küste auf. Nach einem Studium in Paris, um Kunstrestauratorin zu werden, beginnt sie eine Fotografenlehre und wird Theaterfotografin bei Jean Vilars Théâtre National Populaire und seines Festivals von Avignon. 

Statt sich aber Mitte der 50er Jahre dem gerade wiedererfundenem französischen Kino der "Nouvelle Vague" nahe zu fühlen, begeistert sich Varda damals eher für Literatur, Theater und Fotografie. Es folgen Fotoreisen in fremde Kontinente und erste Kontakte zu Chris Marker und Alain Resnais. Ziemlich kinounerfahren realisiert sie 1955 ihren ersten Film "La Pointe Courte" mit Laiendarstellern und Mitwirkenden aus ihrem direkten Freundeskreis (Schnitt: Alain Resnais), unter ihnen der junge Philippe Noiret. Die Befreiung von jeglicher Kinotradition eröffnet ihr neue Gestaltungsfreiräume. Die Fotografie habe nie aufgehört, ihr beizubringen, wie man Filme macht, bekannte sie später zu ihrer Inspirationsquelle.

Varda gehörte nicht zum harten Kern der Kinoerneuerer, die wie Jean-Luc Godard, François Truffaut, Claude Chabrol, Jacques Rivette und Eric Rohmer zu Beginn der 1960er Jahre über Filmtheorie und das Schreiben von Kinokritiken zur Filmregie gekommen waren und das Kino als reine Boygroup revolutionierten. 

Vardas Debütfilm von 1955 trug aber bereits frühzeitig stilistisch und produktionstechnisch die modernen Merkmale der kommenden Werke ihrer männlichen Kollegen. Ihre unkonventionelle Erzählweise, ihr experimenteller Umgang mit Kamera und Montage, die Mischform von Spiel- und Dokumentarfilmelementen machen sie aus heutiger Sicht zur Vorreiterin. Nur in der filmhistorischen Wahrnehmung blieb sie lange Zeit hinter ihren männlichen Kollegen der Nouvelle Vague oft etwas zurück. Heute spricht die Filmgeschichtsschreibung von ihr als Pionierin - auch wenn es um die Position von Frauen im europäischen Filmschaffen geht. Sechs Jahrzehnte unverwechselbares Filmschaffen und ihr künstlerisches  Selbstverständnis haben sie in Frankreich längst zur feministischen Ikone gemacht und man bezeichnet sie gerne als "Großmutterr der Nouvelle Vague".

Schon 1954 gründete Agnès Varda ihre eigene Produktionsgesellschaft Ciné-Tamaris, beheimatet in der nach dem französischen Photographiepionier benannten Pariser Rue Daguerre. Damit gab sie sich die Mittel, unabhängig eigene Filme zu produzieren und einen Ort, der für sie "Entwicklungslabor" und Familie zugleich wurde. 

Mit "Cleo – Mittwoch zwischen 5 und 7“, der heute zu den Klassikern der Neuen Welle  zählt, gelang ihr 1962 der Durchbruch als Regisseurin. Im gleichen Jahr heiratete Varda den Filmemacher Jacques Demy, der bald darauf mit "Die Regenschirme von Cherbourg"(1963) und "Die Mädchen von Rochefort"(1967) und seiner Wiederentdeckung des Musicalfilms sehr populär wird.

1967 beteiligte sich Agnès Varda mit Chris Marker, Jean-Luc Godard, Joris Ivens und Claude Lelouche am Dokumentarfilm "Fern von Vietnam", der sich erstmals kritisch mit dem Vietnamkrieg auseinandersetzte. In den 70ern führen mehrere Aufenthalte sie nach Los Angeles, wo Ehemann Demy gerade einen Musicalfilm dreht und sie realisiert zwei Dokumentarfilme über die Black Panther und Graffiti-Malereien ("Mauerbilder"/ Murs, Murs). In "Die eine singt, die andere nicht" (L’une chante, l’autre pas) von 1977 schildert Varda ein poetisch-musikalisches Frauenporträt vor dem Hintergrund des feministischen Aufbruchs und der politischen Kämpfe der 68er Zeit. Ihr Spielfilm "Vogelfrei"(Sans loi ni toit) mit Sandrine Bonnaire als Landstreicherin bescherte ihr 1985 den Goldenen Löwen in Venedig.

Als ihr Ehemann Jacques Demy an Aids erkankt, bleibt sie bis zu seinem Tod 1990 an seiner Seite und verfilmt als zärtliche Hommage nach seinem Drehbuch in "Jacquot de Nantes" die Geschichte seiner Jugend in der französischen Hafenstadt.

Mit dem neuen Millenium widmet sie sich neben mehreren autobiographischen spielerischen Filmessays wie "Die Sammler und die Sammlerin" (Les glaneurs et la glaneuse) und "Die Strände von Agnès" (Les plages d’Agnès) mit 75 Jahren als bildende Künstlerin verstärkt Kunst- und Videoinstallationen. Damit gestaltet und reflektiert sie ihr ureigenes Universum und erhält u.a. 2003 eine Einladung an die Kunstbiennale von Venedig.

Nach dem Ehrenleoparden in Locarno 2014 bekommt sie auf dem Festival von Cannes 2015 die Ehrenpalme. 2017 verleiht ihr die Oscar-Akademie überraschend als europäischer Autorenfilm-Künstlerin und erster Filmemacherin überhaupt den Ehrenoscar für ihr Lebenswerk. Im gleichen Jahr folgt ihr gemeinsames mit dem Streetartkünstler JR. entstandenes Road-Doku-Movie "Augenblicke: Gesichter einer Reise" (Visages Villages), der für den Oscar nominiert wird.

Auf der diesjährigen Berlinale, wo Agnès Varda mit dem Ehrenpreis Berlinale Kamera geehrt wurde, präsentierte sie auch mit dem Selbstporträt "Varda par Agnès" ihr filmisches Vermächtnis, ein offenes heiteres Filmgespräch mit dem Publikum, in dem sie sich nach eigenem Bekunden "gewissermaßen selbst archiviert hat", um sich auf ihre Art den Vorlesungen zu entziehen. Auf der Berlinale 2019 im Januar hatte sie auch freimütig bekannt, sich alt zu fühlen: „Ich muss mich darauf vorbereiten, auf Wiedersehen zu sagen.“

Im stolzen Alter von 90 Jahren erlag die französische Filmemacherin Agnès Varda am 29. März 2019 in Paris einem Krebsleiden.  PP/ Romain Geib 

 



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