Technologie und Medienrealisation in Film und Video
news | verbände    14.08.2020

Qualität bedeutet Vielfalt: kulturelle Verleiharbeit vor dem Aus

Die Unterstützung der Politik in der Corona-Krise ist wichtig. Doch ein wahrer Neustart braucht dringend strukturelle Veränderungen, so der Hauptverband Cinephilie (HvC).

Der Hauptverband Cinephilie (HvC) freut sich , dass die Kinos wieder geöffnet und Dreharbeiten wieder begonnen haben.

Doch gingen, laut HvC, viele der Fördermaßnahmen an ihren Zielen vorbei oder sollen unverhältnismäßig verteilt werden. So erginge es derzeit auch den Verleiher*innen, denen aus dem von der BKM aufgesetzten Programm Neustart Kultur nur ein sehr geringfügiger Teil unter erschwerten Bedingungen zugedacht würde. Die Regularien seien nach alten Förderdenkweisen erarbeitet und verstärkten eine Schieflage, die viele Branchenvertreter*innen schon lange anprangern: Gefördert werde nicht die kulturelle Vielfalt sondern der möglichst massenkompatible Blockbuster. Vielen kulturell engagierten Verleiher*innen drohe das Aus.

Aus diesem Grund hat der HVC ein Schreiben an die Politik und Entscheidungsträger*innen zur Situation der Verleiher*innen in der Corona-Krise verschickt:

Durch die Coronakrise ist in der Filmwirtschaft von der Produktion bis zum Kino eine ganze Kulturbranche zum Erliegen gekommen und es fällt ihr zusehends schwer, wieder Fuß zu fassen.

Es ist erfreulich, dass die Politik den Wert des Kinos als gemeinschaftlichen Ort erkannt hat und diesem mit unkomplizierten Förderungen hilft.

Die Coronakrise hat die Filmwirtschaft empfindlich getroffen. Von der Produktion bis zum Kino ist eine ganze Kulturbranche zum Erliegen gekommen und es fällt ihr zusehends schwer, wieder Fuß zu fassen.

Es ist erfreulich, dass die Politik den Wert des Kinos als gemeinschaftlichen Ort erkannt hat und diesem mit unkomplizierten Förderungen hilft.

Die Krise trifft jedes Kino, jede Produktionsgesellschaft und jede Verleihfirma unvermittelt und unverschuldet. Die vorsichtige Öffnung der Kinos und der Versuch einer Rückkehr zur Normalität unter Hygieneschutzmaßnahmen wird dominiert von einer Debatte um die Abhängigkeit der Kinos von einzelnen großen Filmen. Diese Abhängigkeit war bereits in der Vergangenheit ein Problem für die Mehrheit der Kinos. Doch während die Kinos unabhängig von ihrem Programm umfangreich gestützt werden, verstärken die Krise und vor allem die angekündigten Hilfsmaßnahmen eine bestehende bedenkliche Schieflage in der deutschen Verleihbranche: Vielen kleinen, kulturell engagierten Verleiher*innen droht das Aus.

Dies ist als Folge der veränderten Kriterien für die kulturelle Verleihförderung der BKM vorauszusehen, die für viele Verleiher*innen von entscheidender Bedeutung war. Die neuen Regularien beenden die Einzigartigkeit der Förderung durch das BKM und passen dessen Kriterien an die der FFA an, die auf kommerzielle Projekte ausgerichtet ist. Die Einführung einer Untergrenze der Herausbringungskosten, die Abschaffung einer maximalen Kopienzahl sowie die Erhöhung der maximalen Förderhöhe auf 150.000€ öffnen Projekten den Weg, die auch bei der FFA antragswürdig sind, schließen aber im selben Zuge Projekte aus, deren einziger Anlaufpunkt in der Vergangenheit die kulturelle Verleihförderung des BKM war.

So wird ein Ungleichgewicht verschärft, das sich auch schon in der Vergangenheit in fast allen Produktions- und Verwertungsprozessen gezeigt hat: Gefördert wird nicht die kulturelle Vielfalt auf der Leinwand, sondern der möglichst massenkompatible Blockbuster.

In der Diskussion um die Filmlandschaft in Deutschland sind Qualität und Vielfalt oft genutzte Schlagwörter, um ein ideales Bild zu zeichnen. Verleiher*innen fällt in der Erfüllung dieses Idealbilds eine proportional hohe Verantwortung zu, denn sie finanzieren die Herausbringung von Filmen und machen diese einem großen Publikum zugänglich. In vielen Fällen nehmen sie internationale Filme ins Programm auf, die unabhängig von deutschen oder anderen Fördermöglichkeiten dem Qualitäts- und Diversitätsanspruch gerecht werden – Filme, die auf internationalen Festivals ausgezeichnet worden und zeitgenössisch relevante Kunstwerke sind. So nehmen Verleiher*innen ihre Verantwortung gegenüber Filmemacher*innen und Zuschauer*innen, die Vielfalt des Weltkinos in ihrem Repertoire abzubilden, sehr ernst und gehen damit oft hohe finanzielle Risiken ein.

Es ist daher nicht verständlich, warum dieser elementare Bestandteil der Filmwirtschaft in Zeiten der Corona-Krise bei den Fördermaßnahmen so wenig Beachtung findet. Jeder wirtschaftliche Schaden, der bei den Kinos und Produzent*innen konstatiert wird, trifft die Verleiher*innen ebenso. Mit der Regularienänderung des BKM sowie der geplanten Erhöhung des FFA- und BKM-Budgets für den Verleih majoritär deutscher Filme wird aber nicht die coronabedingte Schädigung der deutschen Verleihlandschaft gelindert, sondern eine seit Jahren festgefahrene Fehlstruktur in der Verleihförderung zementiert.

Einzelne Filme werden im Buhlen um die Zuschauer*innen bessergestellt, meist die mit großen Produktionsbudgets, denen eine hohe Besucher*innenzahl prognostiziert wird. Die relative Wirtschaftlichkeit sollte jedoch nicht nur an den absoluten Besucherzahlen, sondern an dem Verhältnis von Förderung und Kinobesuchern festgemacht werden. Denn gerade vermeintlich kleinere Filme erfüllen in gleichem, wenn nicht sogar deutlich höherem Maße ihren Beitrag zur Rückführung der gewährten Fördermittel, im Gegensatz zu vielen hoch budgetierten Produktionen. Durch die aktuell geplanten Maßnahmen aber werden vermeintlich kleinen Produktionen von vornherein schlechtere Startchancen gegeben und die Chance auf wichtige künstlerische und wirtschaftliche Impulse für das Kino vertan – eine deutliche Marktverzerrung.

Auch quantitativ verändert das Programm Neustart Kultur die Verteilung der Mittel zwischen den verschiedenen Sparten. So war der Umsatz der Filmwirtschaft laut dem Filmstatistischen Jahrbuch 2018 der SPIO wie folgt aufgeteilt, die Verteilung der 160 Mio. € des Förderprogramms Neustart Kultur sieht jedoch eine vollkommen andere Verteilung vor:

Der brancheninterne Verteilungsschlüssel für das Förderprogramm Neustart Kultur entspricht also weder der wirtschaftlichen Realität noch den Vorgaben durch das FFG. Gleichzeitig widerspricht die Begrenzung der Verleihförderung durch die Institutionen der FFA und des BKM dem Credo der filmischen Vielfalt. Wir halten daher die Maßnahmen zur Unterstützung der Verleiher*innen weder für zielführend, noch für ausreichend.

Es bedarf es neben der Unterstützung für Kinos und Produzent*innen auch einer substantiellen und zielführenden Förderung der Verleihbranche, um eine zukunftstaugliche lebendige und diverse Filmkultur am Leben zu erhalten. Dabei kann in Corona die Chance liegen, die deutsche Förderpolitik zu sensibilisieren und den deutschen Kinomarkt international aufzuwerten. In der Abwesenheit der großen Blockbuster aus den USA entsteht eine einzigartige Chance, der Vielfalt des deutschen und internationalen Kinos in ihrer ganzen Bandbreite neuen Raum zu geben und dabei vor allem Filme zur Geltung kommen zu lassen, die entscheidende Impulse für die Erneuerung des deutschen Kinos setzen können.

Neben der Marketingförderung für fast ausschließlich deutsche Filme ist es daher jetzt notwendig, die Verleihförderung für internationale Filme zu öffnen sowie eine strukturelle Förderung der Verleihinfrastruktur zu installieren. So würde eine vielfältige und diverse deutsche Kinolandschaft ermöglicht, die mittelfristig auch zu einer Verbesserung des Angebots im Kino führt und Deutschland als filmische Kulturnation erkennen lässt. Vorbild dafür könnte die strukturelle und die reguläre Verleihförderung in Frankreich sein.

Hauptverband Cinephilie e.V. c/o Wolf Kino Weserstr. 59 12045 Berlin

www.hvcinephilie.de



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