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news | veranstaltungen    08.02.2019

Snowdance 2019: Indie-Szene auf Erfolgskurs

Das 6. Snowdance Independent Film Festival im bayerischen Landsberg am Lech verzeichnet seine erfolgreichste Ausgabe mit 50% Zuwachs verkaufter Kinokarten, gestiegenem Brancheninteresse und aktiver Teilnahme der ausgewählten Filmemacher.

"Die defekte Katze“ von Regisseurin Susan Gordanshekan/Deutschland erhielt den Preis für BESTE REGIE, Quelle: Snowdance

Einige Snowdance-Macher, Quelle: Snowdance

 

 

Anlaß zur Freude war auch bei der 6. Festivalausgabe wieder die hohe Anwesenheit der Indie-Filmemacher-Szene: 13 Macher der 20 Langfilme des Festivals fanden den Weg ins bayerische Landsberg, obwohl das Festival naturgemäß nicht über genügend Mittel verfügt, um den Filmemachern der ausgewählten Werke die Anreise zu bezahlen. Die Gäste kamen aus Japan, Frankreich, England, den USA, Österreich, der Ukraine, den Niederlanden, der Schweiz, Finnland, Kasachstan und Deutschland an den Lech. Das Publikum honorierte dieses Engagement mit vielen, sehr intensiven Q&A Runden nach den Vorführungen. So hat sich der Meinungsaustausch zwischen Publikum und Filmemachern zum "Markenkern" des Indie-Festivals entwickelt, das einen guten Ruf in der Festivalszene genießt.

Die beliebte Schauspielerin Ulrike Folkerts (u.a. TATORT-Emittlerin Lena Odenthal) markierte dieses Jahr das Festival mit ihrer über einwöchigen Teilnahme als "Schirmdame" durch ihre natürliche, dem Independent Film sehr zugewandte Art. Zusammen mit Schauspielerkollege Heinz Hoenig, ebenfalls in der neuabgedrehten Tatort Ludwigshafen-Folge in tragender Rolle, gesellten sich die Kollegen Max Tidoff und Götz Otto zur öffentlichen Diskussionsrunde des Eröffnungsfilms "You go to my head" des belgischen Regisseurs Dimitri de Clercq.

Daß das neue Konzept des Snowdance mittlerweile eine gewisse Wirkung entfalten konnte und sich weiterentwickelt hat, zeige sich schon daran, dass man sich „weg vom kommerziellen, Sponsoren-orientierten Festival hin zu einem, das einen höheren, kulturellen Anspruch entwickelt hat.“ (Landsberger Tagblatt)

Durch den überraschend starken Zuschauerzuspruch konnte das Festival, trotz Umstellung, einen deutlichen Gewinn erwirtschaften. Dieser Gewinn wird nächstes Jahr komplett in den Ausbau der technischen Infrastruktur des Festivals fliessen.

Das diesjährige Landsberger Manifest, das erneut unter der Leitung des Journalisten Werner Lauff stattgefunden hat, setzte sich mit dem Thema "Machtmissbrauch bei Film" an zwei Tagen und in drei Foren mit den vielfältigen Mechanismen des Machtmissbrauchs beim Film und bei den Medien auseinander. Im abschließenden Plenum mit u.a. den Schauspieler/innen Beate Maes, Valerie Niehaus, Götz Otto und Roberto Guerra wurden die Ergebnisse zur Diskussion gestellt.

Insgesamt zählten die Veranstalter dieses Jahr ganze 330 meist hochwertige Einreichungen aus 41 Ländern, aus denen die Vorausauwahl-Jury ein Programm von 20 Lang- und 30 Kurzfilmen zusammenstellte. Darunter auch vier Langfilme aus Deutschland.

 

Snowdance 2019 - Die Gewinner

 

Lobende Erwähnungen: "Nina“ von Marc Göbel, Deutschland / "Kahlschlag“ von Max Gleschinski, Deutschland

Beste Kamera: "That Disappearance“ von Hiro Kano, Japan

Bester Kurzfilm: "Parting Shot“ von Özgür Cem Aksoy, Türkei

Beste Serie: "Dreamcatcher“, Regisseur: Arnaud Husson, Frankreich

Bester Dokumentarfilm: "The Demon Disease“, Regisseurin: Lilith Kugler, Deutschland

Bester Spielfilm: "The Reverse Diaries“, Regisseur: Shin Sonoda, Japan

Beste Regie: "Die defekte Katze“, Regisseurin: Susan Gordanshekan, Deutschland

 

 

Nachfolgend, das diesjährige "Manifest" in voller Länge: 

Snowdance 2019: Das Landsberger Manifest

I.)

Ein vielfältiges Angebot deutschsprachiger Filme ist, ähnlich wie ein vielfältiges Angebot von Presse und Rundfunk, für die Meinungsbildung und den Diskurs in einer pluralen Gesellschaft schlechthin konstitutiv. Wir brauchen dazu die nachhaltige Unterstützung innovativer Ideen, nicht etablierter Talente und ungewöhnlicher Sichtweisen. Nur ein breites kreatives Angebot von unterschiedlichen Genres und Darreichungsformen schafft das Potential zur permanenten Selbsterneuerung der deutschen Filmwirtschaft. Dies ist die übereinstimmende Auffassung aller, die am Snowdance-Festival 2019 mitgewirkt haben.

In diesem Jahr standen drei Podiumsdiskussionen über Machtausübung und Machtmissbrauch in Film und Fernsehen auf dem Programm. Ziel war es, die Fachöffentlichkeit für Defizite an Respekt, Achtsamkeit und Fairness in der Branche zu sensibilisieren – besonders im Hinblick auf Autoren, Regisseure, Produzenten und Schauspieler, die im System nicht fest etabliert sind.

II.)

Bei der Analyse wurde Vieles deutlich ausgesprochen. ZITAT „TV-Produzenten sind entgegen landläufiger Meinungen nicht Menschen, die zuvor verdientes Geld investieren und frei darüber entscheiden, WAS sie WIE produzieren. Sie sind abhängig von den Fernsehsendern, sie sind eigentlich nur Herstellungsleiter“. Sie müssen die Rechte meist vollständig an die Sender abtreten. Damit können sie keine Assets aufbauen. Sie können ihre Firma nicht wertvoll machen und auf das nächste Level heben. ZITAT „Produzenten können keine Entscheidungen treffen, die vom Sender unabhängig sind.“

Durch die Sender aber werden Projekte mit Originalität aufgrund ZITAT "Bedenkenträgertum“ allzu oft nivelliert. Viele Redakteure in den Sendern haben Angst, mutige und ungewöhnliche Stoffe zu realisieren. Diese Angst überträgt sich auf viele Produzenten. Erschwerend kommt hinzu: Solange man in Deutschland agiert, stößt man immer wieder auf die gleichen Personen. Es gibt nur wenige Entscheider. Man muss durch die gleichen Nadelöhre. Beispielsweise gibt es eine mächtige Filmeinkaufs- und Beschaffungsgesellschaft der ARD, von der über 70 Prozent des ARD-Programms bereitgestellt werden. Alle wesentlichen Programmentscheidungen werden dort von einer einzigen Person getroffen. Das ist – Zitat – ein "unfassbares Ungleichgewicht“.

Mainstream setzt schon bei der Rollendefinition an. Weiß, männlich, heterosexuell – solche Charaktere seien am ungefährlichsten. ZITAT „Viele Erzähler entwerfen Stoffe mit ähnlicher Sichtweise und ähnlichem Inhalt, weil das doch die meisten Chancen hat und nicht aneckt.“

Auch bei der Besetzung werde Gewohnheit übertrieben. ZITAT: „Am Anfang bekam ich nur Rollen, in denen ich adrett war. Dann habe ich einmal einen Mörder gespielt. Jetzt werde ich hauptsächlich als Mörder engagiert.“

Es ist auch Teil der oft unbedachten Machtausübung, die Perpetuierung von Stereotypen zuzulassen. Allerdings (ZITAT): „Hast Du mal den Grimme-Preis gewonnen, dann rückst Du in den Fokus. Plötzlich gehen die Türen auf. Aber Du bist eigentlich kein anderer als zuvor.“

Ein weiteres Problem: Auch bei Filmproduktionen geht es nicht ohne Förderung, und zwar bereits ab Drehbucherstellung. Die öffentlichen Förderer verlangen meist einen Fernsehsender, der die Ausstrahlung zusagt. Alle öffentlichen Fördergelder sind an Fernsehausstrahlungen gekoppelt.

Damit werden Film und Fernsehen faktisch verknüpft. Und damit gibt es auch bei Filmproduktionen einen überschaubaren Personenkreis, der über Karriere und Erfolg entscheidet. Wie können wir Filmschaffenden uns zusammenschließen, damit dieses System wieder Fahrt aufnimmt, fragte Tom Bohn in einer der Diskussionen. ZITAT: „Das kann ja nicht so weitergehen, das ist ja fürchterlich.“

Auch bei den Forderungen waren sich die meisten Beteiligten einig. ZITAT: „Filmförderung ist sehr begrüssenswert. Die automatische Kopplung einer Produktion an einen TV-Sender ist aber höchst problematisch. Wir brauchen eine Entkoppelung beider Vorgänge.“ Es liegt in der menschlichen Natur, dass man sich einen Kreis von Personen aufbaut, denen man vertraut und mit denen man gern zusammenarbeitet. Das erschwert aber die personelle und thematische Innovation. ZITAT: „Man sollte erwägen, dass Gatekeeper, zum Beispiel bei der Filmförderung, im Sinne der sozialen Gerechtigkeit nur eine begrenzte Zeit Entscheidungen über Produktionen treffen dürfen.“ ZITAT „Wir brauchen mehr mutige Redaktionen“. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten haben, anders als Privatsender, nicht nur die Möglichkeit, sondern auch die Aufgabe, Inhalte und Qualität abseits des Üblichen zu schaffen. Der Blick auf die Quote ist dort unberechtigt. ZITAT „Für die öffentlich-rechtlichen Anstalten gilt: Die Quote muss weg“. Einigkeit bestand auch in Sachen Rechte: Produzenten müssen die Möglichkeit haben, Eigenkapital aufzubauen. Nach Erstausstrahlungen sollten Rechte an die Produzenten zurückfallen. Es wäre dann eine Zweitverwertung auf dem internationalen Markt möglich. Bisher ist das aber wohl weder einem Produzentenverband noch einzelnen Playern gelungen.

Die neuen Anbieter wie Netflix und Amazon sind eine Perspektive. Sie könnten durch den mittelfristigen Bedeutungsverlust des linearen Fernsehens eine nachhaltige Veränderung der Strukturen auslösen. Allerdings wäre ZITAT „eine Öffnung in Richtung der Kreativen begrüssenswert." ZITAT: „Diese Plattform sind bisher ein riesengroßes Fragezeichen. Hier wie auch bei Sendern und Einkaufsgesellschaften gilt: Wir brauchen mehr Transparenz. Es muss für die Beteiligten in der Filmbranche erkennbar sein, wer welche Entscheidungen trifft."

Autoren, Produzenten, Regisseure und Schauspieler sollten kreativ miteinander zusammenarbeiten, aber auch die Leistung der jeweiligen Vorstufe respektieren. ZITAT „Autoren sollten nur Verträge schließen, die den Kriterien von "Kontrakt 18“ entsprechen, einer programmatischen Erklärung, die im vergangenen Jahr von 200 Drehbuchautoren unterzeichnet wurde." 

Kontrakt 18 sagt unter anderem: Bearbeitungen des Buchs eines Autors müssen autorisiert werden. Autoren haben ein Mitspracherecht bei der Auswahl von Regisseuren. Autoren können Muster und Rohschnitt sehen und kommentieren. Und: Autoren werden bei allen Veröffentlichungen in Zusammenhang mit dem Filmprojekt namentlich genannt. ZITAT: Kreativität und Selbstbestimmung müssen wieder in den Mittelpunkt rücken.

III.)

Die Teilnehmer des Festivals haben auch darüber diskutiert, was die MeToo-Bewegung gegen Machtmissbräuche erreicht hat. Einigkeit bestand darüber, dass das Thema nicht auf die Konstellation „Mann bedrängt Frau“ zu reduzieren ist, nur weil sie wegen Weinstein und Wedel in den medialen Vordergrund gerückt ist; es gibt am Filmset alle Arten von Annäherungen. Einig waren sich die Teilnehmer auch, dass es durchaus unterschiedliche Formen unangemessenen Verhaltens gibt: Mobbing und Anschreien gehören ebenfalls dazu. Die beiden Teilnehmerinnen auf dem Podium haben eine Strategie gefunden, unabhängig von der Zivilcourage ihrer Mitmenschen schon auf mentaler Ebene eine Haltung zu formulieren und am Set Signale auszustrahlen, die non-verbal Grenzen setzen. Bei Beate Maes gab es dazu einen konkreten Anlass. Sie ist die „dritte“ von vier im ZEIT-Artikel vom Februar 2018 erwähnten Frauen. Sie wehrte eine sexuelle Belästigung durch Dieter Wedel ab und litt daraufhin unter Schikanen am Set.

Deutlich wurde in der Diskussion aber auch, dass bei Dreharbeiten, bei denen „Persönlich sein“ gefordert ist, die Verwechslung mit Privatheit nach wie vor eine reale Gefahr darstellt. Und noch etwas ist möglicherweise anders als in der Wirtschaft, in der Übergriffe auch vorkommen: Die finanzielle Abhängigkeit von punktuellen Engagements ist hier besonders hoch. Und die Möglichkeit, jemanden unter einem scheinbar künstlerischen Vorwand abzulehnen, ist jederzeit gegeben.

Deswegen war es auch übereinstimmende Meinung in diesem Podium, dass alle am Set den Mut haben müssen, sich einzumischen. ZITAT: „Nichts geschehen lassen. Nicht wegsehen. Passivität aufgeben, Hingucken, Schnauze auf."

Die Foren bei Snowdance 2019 waren Foren deutlicher Sprache. Das ist und bleibt erforderlich. Viele der eingereichten Filme sind unter schwierigsten finanziellen Bedingungen entstanden. Das System ist immer noch ein closed shop, der Newcomer ungerne einlässt. Daran etwas zu ändern und die nachhaltige Unterstützung innovativer Ideen, nicht etablierter Talente und ungewöhnlicher Sichtweisen zu fordern, muss Bestandteil eines solchen Festivals sein und wird es bleiben.

In der Abschlussdiskussion plädierten die Teilnehmer nachdrücklich an die Filmemacher, sich gegenüber der Machtausübung durchzusetzen. Kreativität vermittele keine Sonderrechte. ZITAT "Sie sollten Grenzen definieren und Zivilcourage zeigen!"

Festival-Direktor Tom Bohn schlug abschließend noch einmal den Bogen zur Diskussion nach dem Dokumentarfilm "The Evil Within" sechs Tage zuvor. Gerade in einer Zeit, in der die politische Diskussion mit Hass und Unwahrheiten geführt werde, komme es darauf an, dass sich die gesamte Branche davon abgrenzt - "Das geht nur kollegial und fair". An den drei Foren, aus denen das Landsberger Manifest entstanden ist, wirkten als Gesprächspartner Peter Engelmann, Roberto Guerra, Christian Lex, Beate Maes, Valerie Niehaus und Götz Otto teil. Moderator war Werner Lauff.

 

www.snowdance.net



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